Stolpersteine

Stolpersteine

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig. Die Steine sollen an das Schicksal der Menschen erinnern, die im Nationalsozialismus ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Die Stolpersteine sind kubische Betonsteine mit einer Kantenlänge von zehn Zentimetern, auf deren Oberseite sich eine individuell beschriftete Messingplatte befindet. Sie werden in der Regel vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer niveaugleich in das Pflaster des Gehweges eingelassen.

Die Idee

Schon 1990 setzte sich Gunter Demnig künstlerisch mit der Deportation der Sinti und Roma aus Köln auseinander und verlegte 1992 einen Stein mit Messingplatte, auf dem die ersten Zeilen des Himmler-Erlasses zur Deportation von Zigeunern zu lesen waren. Demnig entwickelte die Idee weiter zum Projekt „Stolpersteine“, das zunächst nur ein theoretisches Konzept war. Am 4. Januar 1995 verlegte Demnig probeweise und ohne Genehmigung die ersten Gedenksteine in Köln. Es folgten Verlegungen in Berlin und St. Georgen (bei Salzburg).

Demnigs Intention ist unter anderem, den NS-Opfern, die in den Konzentrationslagern zu Nummern degradiert wurden, ihre Namen zurückzugeben. Das Bücken, um die Texte auf den Stolpersteinen zu lesen, soll auch eine symbolische Verbeugung vor den Opfern sein. Außerdem soll die Markierung der Tatorte – häufig mitten in dichtbesiedelten Bereichen – die von einigen Zeitzeugen vorgebrachte Schutzbehauptung, dass man von den Deportationen nichts mitbekommen habe, in Frage stellen.

Jedes Opfer erhält einen eigenen Stein. Gedacht wird mit diesem Projekt aller verfolgten, ermordeten Opfern des Nationalsozialismus: Jüdischer Bürger, Sinti und Roma, politisch Verfolgter, religiös Verfolgter, Zeugen Jehovas, Homosexueller und Euthanasieopfer; ‒ letztlich aller Menschen, die unter diesem Regime leiden mussten.

Demnigs Anliegen ist es auch, im Gedenken die Familien wieder „zusammenzuführen“. Deshalb werden auch überlebende Familienangehörige einbezogen (z.B. Kinder, die in Sicherheit gebracht werden konnten; Angehörige, denen die Flucht gelang; KZ-Überlebende; u.a.).

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, sagt Gunter Demnig. Mit den Steinen vor den Häusern wird die Erinnerung an die Menschen lebendig, die einst hier wohnten. Auf den Steinen steht geschrieben: HIER WOHNTE… Ein Stein. Ein Name. Ein Mensch.

Der Künstler

Gunter Demnig wurde 1947 in Berlin geboren. Er studierte ab 1967 Kunstpädagogik und Industrial Design an der Hochschule für bildende Künste Berlin (HfbK) und später freie Kunst an der Universität Kassel. Seit 1985 unterhält Demnig ein eigenes Atelier in Köln.

Gunter Demnig bezeichnet sich selbst als „Spurenleger“. So hat er sich in seinem künstlerischen Werk der Aufgabe gewidmet, die Spuren, die Völkermord und Krieg hinterlassen haben, nachzuzeichnen.

In den Siebzigerjahren wurde Demnig in Berlin wegen einer Kunstaktion gegen den Vietnamkrieg verhaftet. Das war der Beginn seiner Karriere als politischer Künstler. 1985 brachte Demnig zur Hamburger Friedensbiennale rund 1200 Friedens- und Freundschaftsverträge aus über 4000 Jahren Menschheitsgeschichte auf eine zwölf Meter lange dünne Rolle aus Dachdeckerblei auf. Zur Erinnerung an die Deportation der Sinti und Roma aus Köln im Jahr 1940 zog er eine Kreidespur durch Köln, die den Weg der Deportierten vom Sammelplatz bis zur Verladerampe nachzeichnete.

Dezentrale Gedenkstätte

Erst im Jahr 2000 konnten in Köln die ersten amtlich genehmigten Stolpersteine verlegt werden. Mittlerweile hat sich das Projekt zur weltweit größten dezentralen Gedenkstätte entwickelt – eine dezentrale Gedenkstätte, bei der das Erinnern nicht im Ritual erstarrt, bei der das ungeheuerliche Verbrechen nicht abstrakt bleibt. An fast 600 Orten in Deutschland und in mehreren Ländern Europas sind mittlerweile Stolpersteine verlegt.

Das Gedenken findet durch die Stolpersteine nicht weitab des Alltags, beispielsweise an Gedenkstätten oder zu festgelegten Tagen, sondern in der Mitte des Lebens statt.

Am 4. Oktober 2006 erhielt Gunter Demnig vom damaligen Bundespräsidenten Horst Köhler „für sein langjähriges Engagement im kulturellen Bereich“ das Bundesverdienstkreuz.

“Stolpersteine” in der Jugend- und Erwachsenenbildung

Nicht nur in der rechtsextremen Szene ist Ausgrenzung bis zu brutalen Angriffen auf “Fremde”, Andersdenkende, Andersaussehende und “behinderte” Menschen fast alltäglich. Auch “normale” Jugendliche und junge Erwachsene – teils auch der sogenannten linken Szene angehörig – nutzen zur Bezeichnung der nicht in ihr Menschenbild passenden Personen häufig Worte wie “Assi”, “Jude”, “Opfer” oder “Krüppel”. Viele dieser Begriffe beziehen sich direkt auf den Nationalsozialismus (wie “Asozial”) oder wie “Opfer” auf Verhöhnung der Opfer des Holocaust und der NS-Herrschaft.

Um ein demokratisches Menschenbild und zivilgesellschaftliche Werte zu verinnerlichen, reicht  bloßes Wissen über das “Dritte Reich”, wie es (oft) in der schulischen Bildung vermittelt wird, nicht aus. Neben Demokratie- und Menschenrechtserziehung, dem Lernen eines respektvollen Umgangs mit Anderen, ist das Kennenlernen eines Lebensweges und das mitfühlende Erarbeiten einer Biographie gerade eines dieser Menschen, die auch unter solchen Begriffen wie “Assi”, “Jude” und “Krüppel” verfolgt und ermordet wurden, hilfreich.

Anbetracht der Tatsache, dass zur Vermittlung persönlicher Schicksale der von der Verfolgung durch die Nationalsozialisten betroffenen Menschen kaum noch Zeitzeugen zur Verfügung stehen, ist die Beschäftigung mit der Biographie eines Verfolgten eine der wenigen Möglichkeiten, aus “Opfern” wieder Individuen zur machen. Die Erforschung solcher Lebenswege und die Erarbeitung eines “greifbaren” und nutzbaren Produkts (hier eine Ausstellung) durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes fördert die Fähigkeit des Lernenden zur Empathie. Auch aktuell ist die Bereitschaft zur Empathie eine Voraussetzung zum respektvollem Umgang  mit anderen Menschen und wird einem zivilgesellschaftlichen Verhalten dienlich sein.

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